PONTIFIKALAMT

AM 1. JULI 2003 UM 14.00 UHR IM KLOSTER ST. MARIENSTERN IN 01920 PANSCHWITZ-KUCKAU

(MARIA, MUTTER DER GÖTTLICHEN VORSEHUNG: JES 66, 10-14; JOH 2, 1-11)

 

Predigt:

 

            Schwestern und Brüder im Herrn!

           

1. Nach den ersten Augenblicken des Erstaunens über das Zeichen, das Jesus gewirkt hat, nach der Aufregung der Hochzeitsgäste und ihren ersten Kommentaren, was werden die Leute, als sie den Ablauf des Geschehens im Gespräch miteinander durchgegangen sind, wohl über die Rolle gesagt haben, die Maria dabei gespielt hatte? Sie haben wohl sagen können: „Jene Frau ist die Vorsehung gewesen.“ Und in der Tat, sie, die Mutter Jesu, hat durch ihre diskrete Aktion das Hochzeitsfest vor einem demütigenden vorzeitigen Ende bewahrt und Jesus dazu gebracht, seine Herrlichkeit zu offenbaren.

            2. Welches waren die Hauptmomente beim Tun Marias? Sie erscheinen mir klar:

Zuerst ihre Aufmerksamkeit: Sie war nicht nur anwesend, sie war beteiligt - dann das Mitgefühl: Sie verstand, wie die helle Freude des Brautpaares an jenem für sie einmaligen Tag durch die peinliche Situation verdunkelt werden konnte - dann ihr Sich-Einschalten bei Jesus: außerordentlich respektvoll, aber auch fest, nicht entmutigt angesichts der scheinbar ablehnenden Antwort Jesu - endlich die Aufforderung an die Diener, sicher und kraftvoll wie ein Befehl: „Was er euch sagt, das tut!“

            Wohlverstanden, das Zeichen wurde von Jesus gewirkt. Er ist die wahre Vorsehung, aber Maria hat dafür nicht selbstverständliche Voraussetzungen geschaffen.

            3. Die Erfahrung von Kana ist irgendwie exemplarisch für das, was sich sehr oft in der Geschichte der Menschheit und der Kirche ereignet. In der Bergpredigt lädt Jesus uns zu einem grenzenlosen Vertrauen auf die Vorsehung Gottes ein: Schaut auf die Vögel des Himmels und die Blumen des Feldes. Gott denkt an sie alle. Ihr aber seid in seinen Augen unendlich mehr wert (vgl. Mt 6, 27-30). Wer sich Gott anvertraut, wird - wie der Psalmist sagt -, nicht zuschanden (vgl. Ps 25, 3). Die Worte des Herrn wollen zum Glauben ermutigen und unser Vertrauen stärken. Denn Gott ist allmächtig und liebt uns: Er wird uns nicht verlassen. Das bedeutet aber keinen Aufruf zu Passivität oder Fatalismus. Im Gegenteil: Der Herr will, dass wir unsere ganze Aufmerksamkeit dem geringsten unserer Brüder zuwenden und uns aktiv um ihn kümmern. In seiner Rede über das Weltgericht macht er deutlich: Was die Menschen einem der Geringsten seiner Brüder getan haben, das haben sie ihm getan - was sie für einen der Geringsten nicht getan haben, das haben sie ihm nicht getan (vgl. Mt 25, 31-46). An die Vorsehung zu glauben, bedeutet auch: für den Nächsten zur Vorsehung zu werden.

            4. Sehr oft fragt sich der Mensch angesichts des Schmerzes, dem er begegnet: Und wo ist Gott? Man beachtet nicht, dass Gott auf diese Frage schon geantwortet hat. Korrekt gestellt, muss die Frage lauten: Und wo ist der Mensch? Und vielleicht auch: Und wo warst du? Die Vorsehung greift ein, Gott hilft dem Menschen, aber er will die Mitmenschen des Betroffenen als seine Mitwirkenden. Wie die Parabel von barmherzigen Samariter zeigt, erwartet Gott von uns, dass wir unseren Weg nicht selbstsicher und unbekümmert gehen, sondern dass wir uns auf die andere Straßenseite begeben, wo ein hilfsbedürftiger Mensch am Boden liegt. Wir sollen uns unseren Nächsten nicht aussuchen und ihm dann unsere Hilfe anbieten, sondern uns dem anderen nahen und uns ihm zum Nächsten machen. Das ist der Weg der Liebe. Das ist die Antwort im Hinblick auf den Schmerz, der den Menschen vor eine so existentielle Frage stellt.

            5. Ein anderer Aspekt dieser unserer Verpflichtung, aufmerksame und willige Werkzeuge der Vorsehung zu sein, darf nicht außer acht gelassen werden: Wenn wir das sind, empfangen wir viel mehr, als wir geben. Eine Eigenschaft der Liebe ist es, dass sie zuerst und vor allem denjenigen bereichert und beglückt, der sie schenkt - mehr als den, der sie empfängt. Ist es nicht eine immer wiederkehrende Erfahrung derer, die in der Pflege von Brüdern und Schwestern mit einer Behinderung tätig sind, dass die Behinderten ihnen viel mehr schenken, als was sie ihnen geben? Ein Lächeln, eine Zärtlichkeit, eine Geste freundlicher Dankbarkeit, die von ihnen ganz spontan und echt kommen, können den Himmel über unserem Herz öffnen. Und ist es nicht ein großer Augenblick, wenn man ihre Würde anerkannt und geschützt sieht? Und ist es nicht wahr, dass eine Gesellschaft, in der es diese unsere Brüder und Schwestern nicht gäbe, die uns anregen, eine selbstlose Liebe zu praktizieren, eine weniger menschliche Gesellschaft wäre, in der der Mensch ärmer - und bitterlich ärmer - wäre? Wenn unsere Mitwirkung dazu beiträgt, den anderen die Vorsehung Gottes spüren zu lassen, dann sind wir selbst in Wirklichkeit die größten Nutznießer.

            5. Diese Gedanken kamen mir spontan, liebe Schwestern des Klosters St. Marienstern, liebe Schwestern und Brüder im Glauben, da wir heute darauf zurückblicken, dass dieses Kloster vor 30 Jahren die Rechtsträgerschaft für eine Einrichtung für geistig behinderte Menschen übernommen hat. Sie haben das getan, um Menschen zu helfen, die weder sich selbst helfen konnten noch von ihren Angehörigen die nötige Hilfe erfahren konnten. Die Charta caritatis, die dem Orden der Zisterzienser und der Zisterzienserinnen das ihnen eigene Gepräge gegeben hat, hat so durch Ihr Wirken eine eigene, aber mit den Ursprüngen des Ordens übereinstimmende Anwendung erfahren.

In den vergangenen Jahrzehnten haben Sie schwere Tage erlebt. Die Vorsehung Gottes hat Sie nie verlassen: Sie hat Ihnen die innere Kraft geschenkt und Ihnen die äußeren Mittel zukommen lassen, um für die Ihnen anvertrauten Menschen in ausreichender Form Sorge tragen zu können. Ihr Einsatz hat andere - Förderer und Freunde - motiviert, ihre Kräfte zu bündeln, um diese unsere Schwestern und Brüder in Not Gottes Vorsehung spüren zu lassen.

Ihnen, liebe Schwestern, und den Freunden und Förderern Ihres Werkes gilt unsere Anerkennung und unser Dank. Denn die hiesigen Einrichtungen sind fachlich profiliert und genießen allgemeine Anerkennung. Unser Dank gilt in dieser Stunde aber vor allem Gott, der Sie in den Dienst seiner Vorsehung gestellt hat.

6. Diesen Dank wollen wir ihm in dieser festlichen Messfeier aussprechen und dem Herzen derjenigen anvertrauen, die zu Recht als Mutter der Vorsehung angerufen wird. Sie, die Sie in den vergangenen Jahren als ein sicherer Stern geführt hat, helfe Ihnen und schütze Sie auch in den kommenden Jahren, auf dass man auch von Ihnen wie von ihr sagen kann:

Ihr Herz, Ihre Augen, Ihre Hände, Sie selbst sind aus Gottes Gnade seine Vorsehung.