PONTIFIKALAMT ZUR FEIER DES 20JÄHRIGEN BISCHOFS- UND DES 40JÄHRIGEN PRIESTERJUBILÄUM DES BISCHOFS VON MAINZ, KARL KARDINAL LEHMANN, AM 5. OKTOBER 2003 UM 10.00 UHR IM HOHEN DOM ZU MAINZ (JER 1;4-9; 2 TIM 1, 6-8.13-14; LK 17, 5-10)

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Predigt:

Schwestern und Brüder im Herrn!

Sie hatten seine Wunder gesehen. Seine Lehre drang tief in ihr Herz. Sie waren von seiner Person fasziniert. Sie waren Zeugen der Begeisterung der Menge. Und doch mussten sie ehrlicherweise zugeben, dass sie bei sich einen Mangel verspürten; denn sie - es waren die Apostel - wandten sich mit einer bemerkenswerten Bitte an Jesus: „Herr, stärke unseren Glauben!“ In der Tat ist der Glaube die erste der Gnaden Gottes, die am Anfang jeder Nachfolge Christi steht. Jesus selbst hat gesagt: „Niemand kann zu mir kommen, wenn nicht der Vater, der mich gesandt hat, ihn zu mir führt“ (Joh 6, 44). Der Glaube muss aber wachsen, damit er in der Anfechtung standhalten kann. Der Glaube muss wachsen, damit er in der Liebe tätig werden kann. Der Glaube muss wachsen, damit der Glaubende auch Weggefährten für die hohen Ziele des Glaubens gewinnen kann.

Die Apostel brauchen den Glauben in seiner ganzen Kraft; denn sie sind ja zuerst Glaubensgenossen der anderen Jünger Christi mit ihren menschlichen Schwachheiten, ihrer Halbherzigkeit und ihrem Versagen; sie sind aber auch Werkzeuge des Glaubens, durch die Gott daran wirkt, die Menschen zu Christus zu führen und sie in der Gemeinschaft mit ihm zu bewahren. Und da tragen sie eine große Verantwortung, und dazu brauchen sie einen starken Glauben.

2. Der Herr antwortet den Aposteln - wie wir gehört haben - mit einer zweifachen Belehrung:

Der Herr billigt die Bitte, indem er die Wichtigkeit des Glaubens unterstreicht: „Wenn euer Glaube auch nur so groß wäre wie ein Senfkorn, würdet ihr dann zu dem Maulbeerbaum hier sagen: Heb dich samt deinen Wurzeln aus dem Boden und verpflanz dich ins Meer, er würde euch gehorchen.“ Der Herr will mit seiner bildhaften Sprache unsere Aufmerksamkeit wecken. Doch was will sie uns übermitteln? Sie will uns verstehen lassen, dass der Glaube uns mit der Allmacht Gottes ausstattet - natürlich nicht in dem Sinn, dass wir Herr über Gott werden, vielmehr in dem Sinne, dass wir zu seinen Werkzeugen werden. Gott ist der Schöpfer des Himmels und der Erde, er ist der Herr der Geschichte. Immer wirkt er mit Kraft und Milde, mit Allmacht und Liebe. Er braucht unsere Hilfe nicht, und doch will er uns als verantwortliche Mitarbeiter in seine Pläne einbeziehen. Jesus hat nun den Jüngern verheißen, dass sie auch größere Werke vollbringen werden als die, die er gewirkt hat: „Amen, amen, ich sage euch: Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbringen, und er wird noch größere vollbringen, denn ich gehe zum Vater“ (Joh 14, 12): eine Voraussage, die wir überprüfen können. Was hat die Kirche im Laufe der Geschichte und in der ganzen Welt getan? Sie hat Urwälder im geographischen, aber auch im übertragenen Sinn urbar gemacht, Zivilisationen geschaffen, für das Zusammenleben der Menschen neue Maßstäbe eingeführt; sie hat Zentren der Kultur errichtet, sie hat den Glanz der Künste verbreitet; und sie hat - und das ist ihr größtes Werk - den Armen, den Ausgegrenzten und den Niedergedrückten immer neu Hoffnung gebracht und tut das auch heute noch: Sie hat den Menschen nicht alleingelassen. Ich weiß es, und wir alle sehen es: Die Kirche hat auch ihre Grenzen, die in der Tat die schmerzlichen Grenzen von uns sind. Die Kirche ist aber zuerst - wie in den Aposteln, so auch in ihren Nachfolgern - Werkzeug des Glaubens, und als solches wirkt sie die Werke des Glaubens.

Der Apostel ist also ein Mensch des Glaubens. Und Sie, liebe Gläubige der Kirche von Mainz, können das an ihren Bischöfen sehen - und in vorbildlicher Weise an dem Bischof, um den Sie heute versammelt sind. Sein Wahlspruch lautet: „State in fide“ („Steht fest im Glauben“). Eines der vielen Bücher von Kardinal Lehmann trägt den Titel: „Es ist an der Zeit, an Gott zu denken“. Es ist eine Einladung, alle Probleme, die das Leben des heutigen Menschen bewegen: die der Familie, der Kultur, der Politik auf nationaler, auf europäischer und auf Weltebene - und auch die des Lebens von seinem ersten Anfang an bis zu seinem natürlichen Ende gehören dazu - im Lichte des Glaubens zu betrachten und zu lösen, indem man Gott in die Mitte nimmt und sich von seinem Wort leiten lässt. Wenn der Apostel, der Bischof, im Glauben an Christus gestärkt ist, erreicht das Licht, das von ihm ausgeht, die Menschen, denen Gott ihn auf ihrem Weg begegnen lässt.

3. Die zweite Lehre, die der Herr zu der ersten hinzufügt, ist - wenn man ehrlich sein will - nicht sehr anziehend, ja, eigentlich ist sie für unser Empfinden eher schockierend. Oder aber ist sie so unglaublich anziehend wegen der Kraft, die ihr innewohnt? Der Herr sagt also seinen Aposteln, dass sie sich als Sklaven zu betrachten haben. Und was das bedeutet, illustriert er ihnen an einer konkreten Situation: Wenn der Sklave abends müde vom Feld kommt, muss er sich noch um das Essen für den Herrn kümmern und ihn versorgen; erst dann kann er selbst essen und trinken. Und bei alldem soll er nicht vergessen: Er ist trotzdem nur ein unnützer Sklave.

Was will der Herr sagen? Es ist wohl klar: Der Apostel lebt nicht für sich, er lebt für Christus; er lebt für den Leib Christi, die Kirche. Ihm bleibt kaum Zeit, an sich zu denken. In seinem Dienst hat er unter Einsatz all seiner Kräfte die Last und die Hitze des Tages zu tragen, sich dem oft aufreibenden Dienst der Hirtensorge zu widmen und dazu noch dafür zu sorgen, dass der Tisch gut gedeckt ist, d. h. ein Zusammensein und Zusammenleben gewährleistet ist, bei dem mehr als der Leib der Geist genährt wird und das Lob Gottes in Freude erklingen kann.

So wie der Apostel-Sklave steht auch der Bischof, der Nachfolger der Apostel Christi, als Christ - wie Sie - in derselben Nachfolge Christi, als Bischof - für Sie - im Dienste der Freude Ihres Glaubens (vgl. 2 Kor 1, 24).

4. Die Zweite Lesung, die uns vorgetragen wurde, bietet uns gleichsam ein Muster der Haltung, die diesen Dienst beseelen muss. Der Apostel Paulus sagt Timotheus, den er als Bischof von Ephesus eingesetzt hat: „Ich rufe dir ins Gedächtnis: Entfache die Gnade Gottes wieder, die dir durch die Auflegung meiner Hände zuteil geworden ist. Denn Gott hat dir nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ Der sakramentalen Gnade des Episkopats müssen also im Leben bestimmte Haltungen entsprechen:

Nicht Verzagtheit, nicht der Geist der Enge und der Furchtsamkeit, der dem Sklaven eigen ist - aber eben dem Sklaven eines Menschen, nicht aber einem Sklaven Gottes; denn Gott erfüllt sein Herz mit Kraft und Mut: mit der Kraft, die dazu befähigt, jede Anstrengung und Widerwärtigkeit auszuhalten – sondern der Mut der Liebe, mit dem man sich vornimmt, allen alles zu werden, um auf jeden Fall einige zu retten, wie Paulus von sich sagt (vgl. 1 Kor 9, 22).

Nicht Verzagtheit, sondern Besonnenheit, die dem Elan das Maß gibt und die eigenen Kräfte einzuschätzen und zugleich die Fähigkeiten der anderen einzubeziehen weiß.

Wenn der „Sklavendienst“ so gelebt wird, offenbart er sich als das, was er eigentlich ist: Ausdruck einer höheren Freiheit, die nur der Geist geben kann; denn „wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“ (2 Kor 3, 17). In diesem Zusammenhang möchte ich gern auf das zuletzt erschienene Buch des Jubilars hinweisen, das den Titel trägt „Frei vor Gott“. In den Hirtenbriefen von Herrn Bischof Lehmann, die dort gesammelt sind, kann man die befreiende Kraft der Liebe erkennen, die dem Menschen aus dem Glauben an Gott in seiner geschichtlichen Vorläufigkeit von Christus her erwächst im Hinblick auf seine ewige Bestimmung.

Sklave sein und frei sein: In diesen scheinbar gegensätzlichen Existenzweisen sehe ich, liebe Schwestern und Brüder im Herrn, gleichsam das geistliche Profil eines Bischofs; Sie werden da leicht das Profil Ihres Bischofs erkennen in seinem unermüdlichen und zugleich frohen und frohmachenden Dienst für die Kirche von Mainz, für die Gemeinschaft der katholischen Gläubigen in Deutschland, für den Heiligen Stuhl und die Weltkirche und nicht weniger für das große Anliegen der Einheit der Christen: gebunden an den Herrn - frei für die Menschen.

Ich brauche das nicht näher zu erläutern. Die Worte des Evangeliums und des Apostels Paulus, die wir heute gehört haben, sind in sich eine beredte Botschaft: Es sind die Worte, die auch bei seiner Bischofsweihe verkündet wurden und die ihn bestimmt in den 20 Jahren seines unermüdlichen bischöflichen Dienstes geleitet haben.

5. Verehrter, lieber Herr Kardinal Lehmann!

Das Wort des Herrn, das wir gehört haben - hoch und anregend, wie es ist -, sei auch weiterhin Geleit für Ihr Leben und erleuchte Ihren apostolischen Dienst: noch lange Jahre.

Die Mühen, die Sie auf sich nehmen, ohne sich zu schonen, und die Gesinnung, in der Sie es tun, sind nicht nur dem Herrn, der sich an Großzügigkeit nicht übertreffen lässt, bekannt, sie sind auch den Gläubigen Ihrer Diözese und ganz Deutschlands nicht entgangen, die Ihnen ihre Zuneigung, ihre Unterstützung und Dankbarkeit zum Ausdruck bringen und die Sie weiterhin mit ihrer Verbundenheit und mit ihrem Gebet begleiten.