PONTIFIKALAMT IN ROSENTHAL AM 11. OKTOBER 2003 UM 12.00 UHR (UNSERE LIEBE FRAU VOM ROSENKRANZ: DAN 7, 2a. 13-14; 1KOR 13, 23-26; MK 2, 2-9)


[Download]


Predigt:

Schwestern und Brüder im Herrn!

1. Das Jahr des Rosenkranzes, das Papst Johannes Paul II. vor einem Jahr ausgerufen hat, geht in diesem Monat zu Ende.

Der Rosenkranz ist ein Gebet, das aus dem gläubigen Volk heraus geboren wurde. Die Päpste haben es sich zu eigen gemacht und es ständig den Priestern und allen Gläubigen empfohlen. Es gibt keine bessere Ergänzung, keine bessere Vorbereitung des liturgischen Gebetes, es gibt kein Gebet, das mehr von der Lebenskraft der Heiligen Schrift genährt wird.

2. Es ist also nicht zu verwundern, dass die Päpste sich den Rosenkranz zu eigen gemacht haben.

Erwähnt sei Pius V., der den Sieg der Christen gegen die Flotte des Osmanischen Reiches bei Lepanto im Jahre 1571 - und damit die Bewahrung des Abendlandes vor dem Ansturm der Heiden - der Macht dieses Gebetes zuschrieb. Und wie könnte man den seligen Johannes XXIII. unerwähnt lassen, der jeden Tag alle fünfzehn Geheimnisse betete - oder Papst Paul VI., der über den Rosenkranz etwa schrieb: „Seiner Natur nach verlangt der Rosenkranz einen ruhigen Rhythmus und ein besinnliches Verweilen, was dem Betenden die Betrachtung der Geheimnisse im Leben des Herrn erleichtert und diese gleichsam mit dem Herzen derjenigen schauen lässt, die dem Herrn am nächsten stand. So werden sie ihm die unergründlichen Reichtümer dieser Geheimnisse erschließen.“

Zu Beginn seines Pontifikates hat Johannes Paul II. seine Beziehung zum Rosenkranz mit folgenden Worten zum Ausdruck gebracht: „Der Rosenkranz ist mein Lieblingsgebet. Es ist ein wunderbares Gebet, wunderbar in seiner Schlichtheit und Tiefe. ... Unser Herz kann in der Abfolge der Geheimnisse des Rosenkranzes alle Ereignisse einschließen, die das Leben des einzelnen, der Familie, der Nation, der Kirche und der Menschheit ausmachen; die persönlichen Erfahrungen und die des Nächsten, in besonderer Weise die jener Menschen, die uns am allernächsten stehen, die uns am Herzen liegen. So bekommt das schlichte Gebet des Rosenkranzes den Rhythmus des menschlichen Lebens.“

Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass das rechte Beten des Rosenkranzes besondere Fähigkeiten verlangt. Hören Sie, was Patriarch Albino Luciani von Venedig - er ist später bekannt geworden als Papst Johannes Paul I., der Papst des unvergesslichen Lächelns - in einer seiner bezaubernden Predigten sagte: „Wenn man von &Mac226;erwachsenen Christen’ spricht, übertreibt man manchmal. Persönlich ziehe ich es, wenn ich allein zu Gott oder zur Muttergottes spreche, vor, mich als Kind zu fühlen. Die Mitra, das Bischofskäppchen, der Ring verschwinden. Ich schicke den Erwachsenen und auch den Bischof mit der angemessenen würdigen Haltung in Urlaub, um mich der spontanen Zärtlichkeit zu überlassen, die ein Kind für seinen Vater oder seine Mutter empfindet. Wenigstens eine halbe Stunde vor Gott das sein, was ich in Wirklichkeit bin - mit meiner Misere und mit dem Besten von mir selbst -, aus der Tiefe mein Kindsein von einstmals auftauchen spüren, das lachen, plaudern und den Herrn lieben will ... Der Rosenkranz, ein einfaches und leichtes Gebet, hilft mir, Kind zu sein. Und dafür schäme ich mich nicht.“ So Johannes Paul I., als er noch Patriarch von Venedig war.

3. Ich habe gesagt, dass der Rosenkranz ein Gebet ist, das ganz von der Heiligen Schrift genährt wird. Und in der Tat, die fünfzehn traditionellen Geheimnisse, die ihm den Rhythmus geben - die freudenreichen, die schmerzhaften und die glorreichen sowie die der Kirche in Deutschland eigenen trostreichen, und schließlich die lichtreichen Geheimnisse, die Papst Johannes Paul II. im letzten Jahr selbst hinzugefügt hat: - sie alle stellen uns nichts anderes vor Augen als Seiten des Evangeliums. Und sie verbinden uns im Wiedererleben der irdischen Tage Jesu mit seiner Mutter Maria - und erheben den Blick unseres Herzens zum himmlischen Jerusalem, wohin Jesus und Maria uns vorangegangen sind, und erfüllen uns mit Hoffnung. Und die Gebete, mit denen wir unseren Blick begleiten, lassen uns die erhabenen Worte, die aus dem Herzen Jesu hervorgegangen sind - „Vater, geheiligt werde dein Name“ -, und die Worte, die der Engel Maria bei jener wunderbaren Begegnung gesagt hat - „Gegrüßet seist du, voll der Gnade“ - immer wieder verkosten, immer neu bewundern, immer tiefer erfassen.

4. Mehr noch, der Rosenkranz ist ein Gebet, das ganz auf Christus ausgerichtet ist. In seinem Apostolischen Schreiben über den Rosenkranz zitiert Johannes Paul II. die Worte seines Vorgängers Paul VI.: „Als biblisches Gebet, in dessen Mitte das Geheimnis der erlösenden Menschwerdung steht, ist der Rosenkranz ganz klar auf Christus hin ausgerichtet. Auch sein charakteristischstes Element, die litaneiartige Wiederholung des &Mac226;Gegrüßet seist du, Maria’ wird zu einem unaufhörlichen Lobpreis Christi. ... Jener Jesus, den jedes Ave Maria erwähnt, ist derselbe, den die Folge der einzelnen Geheimnisse uns vorstellt: Sohn Gottes und der Jungfrau.“ Und da Christus in der Mitte steht, legt Johannes Paul II. Wert auf die Feststellung, dass das Rosenkranzgebet, wenn es in angebrachter Weise neu entdeckt wird, eine Hilfe auch für die Ökumene ist (vgl. Nr. 4).

5. Deswegen soll ein Anliegen, das wir immer haben müssen, wenn wir den Rosenkranz beten, die Einheit der Christen sein. Daneben empfiehlt uns der Papst noch zwei andere: den Frieden und die Familie.

Zum Anliegen des Friedens in diesem Zusammenhang schreibt er: „Das Rosenkranzgebet übt auf den Beter einen friedenstiftenden Einfluss aus. Es disponiert ihn für das Empfangen und das Erfahren seines Seins in der Tiefe und macht ihn bereit, den wahren Frieden, der das besondere Geschenk des Auferstandenen ist, in seiner Umgebung weiterzuschenken.“ Ja, wir können nicht aufrichtig um Frieden in der großen Welt beten, wenn wir nicht bereit sind, in der kleinen Welt, die uns umgibt - angefangen mit unserer Familie und unserem Arbeitsplatz - Frieden auszustrahlen und zu stiften.

Das andere Anliegen ist - wie gesagt - die Familie. Der Papst als Vater aller gläubigen Christen fühlt sich als Mitglied jeder unserer Familien; er liebt sie, er liebt die Jugendlichen und die Kinder. Er schreibt: „Eine Familie, die vereint betet, bleibt eins. Seit alters her wird der Rosenkranz in besonderer Weise als Gebet gepflegt, zu dem sich die Familie versammelt. ... Wenn der Rosenkranz in guter Weise eingeführt wird, bin ich sicher“, so schreibt er, „dass die Jugendlichen selbst die Erwachsenen noch einmal überraschen können, indem sie sich dieses Gebet zu eigen machen und es mit dem für ihr Alter typischen Enthusiasmus vollziehen.“ Ich glaube, wir sollten diese Worte ganz ernst nehmen und nicht kleinmütig über die Anziehungskraft dieses Gebetes und den Segen, der von ihm ausgeht, denken.

6. Einen letzten Gedanken möchte ich Ihnen, Schwestern und Brüder im Herrn, zu bedenken geben, der unseren Geist mit großem Vertrauen erfüllen kann: Den Rosenkranz beten wir nie allein. Den ganzen Erdkreis umspannt eine große geistliche goldene Kette von Rosenkranzbetern. Vor allem aber betet im Rosenkranz Maria mit uns. Wir sprechen zu ihr: Bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes. Jetzt: So vereinigt der Rosenkranz unser demütiges Gebet mit den Höhen des Himmels, wo Maria - Mutter Gottes und unsere Mutter - uns sicher nicht vergisst, sondern sich durch untrennbare Bande der Liebe mit uns vereinigt und für uns betet, damit wir unser Leben bestehen können - mit unserer Armut und unseren Sünden, mit unseren Plagen, aber auch mit unseren Erwartungen und Freuden - ganz unter dem Blick der Vorsehung des Vaters, ganz im Licht des erlösenden Christus, ganz in der Teilhabe an der Gnade des Heiligen Geistes, von dem Maria erfüllt war.

7. Wir stehen am Ende des Jahres des Rosenkranzes, aber nicht am Ende der Freude und der Gnade, die das Rosenkranzgebet uns mitteilen kann. Vielleicht haben wir im vergangenen Jahr die Gelegenheit, unser Gebet zu vertiefen, die uns der Heilige Vater vorgeschlagen hat, nicht wahrgenommen oder nicht ganz genutzt. Die Gelegenheit bleibt uns aber gewahrt.

Mit Maria im Gebet des Rosenkranzes vereint, werden auch wir in der Erkenntnis Christi wachsen, werden auch wir erfüllt werden mit den Früchten des Glaubens, der ihr Leben erfüllt und vor Gottes Augen so wertvoll gemacht hat. Und die gebenedeite Mutter Christi und unsere Mutter wird uns nie allein lassen

Maria, voll der Gnade, bitte für uns.